Das Tante Emma-Paradies - eine alte Kultur zieht neue Kreise

 

Das Tante Emma-Paradies - eine alte Kultur zieht neue Kreise

Unser Projekt WE GO PARADISE hat es sich zur Aufgabe gemacht, paradiesische Orte zu initieren, in ihrem Entstehen zu begleiten und durch Vernetzung dazu beizutragen, unsere Erde zu einem schönen, friedlichen und nachhaltig bewohnbaren Ort zu machen.

Als Wiederentdecker einer alten und Vorreiter einer neuen Kultur haben wir beobachtet, dass Tante Emma Läden Orte paradiesischen Lebens sind, die unser soziales Gefüge positiv verändern und unser ökologisches Bewusstsein stärken.

(siehe auch SEIN-Artikel von Lothar Gütter, „Tante Emma 2.0“ Ausgabe 5/2014)

Anhand eines Beispiels wollen wir hier erzählen, wie der Kiez-Laden eines Berliner Stadtteils immer mehr zum Paradies wird und warum wir finden, dass es viel mehr davon geben sollte.

 

Die 'Tante Emma' von Moabit heißt Dorothea und ist ehemalige Sozialarbeiterin.

Schon lange hat sie davon geträumt, einen kleinen Bio-Laden zu führen, der Anlaufstelle für Viele ist. Für Ratsuchende, Neugierige, Mitteilsame, Vorübereilende und Hungrige.

Als ihr der Laden in der Oldenburger Straße angeboten wurde und etwas größer war als gedacht, ist sie einfach mitten hinein gesprungen in ihren Traum. Zuversichtlich, mutig und voller Ideen.

Nun steht sie schon 2 Jahre hinter der großen Ladentheke aus Holz, meist mit bunter Schürze und einem offenen, lachenden Gesicht. Leute mit Fahrradhelmen, Kinderwagen oder Aktenkoffern schauen herein und sagen „Hallo“. Dorothea fragt, wie´s geht, was das Projekt macht oder ob der Kleine durchschläft und bekommt nicht selten die kleinen, lustigen, manchmal auch tragischen Geschichten erzählt, die ein Menschenherz so mit sich rumträgt.

Wenn einer einen guten Hausarzt sucht, eine naturheilkundliche Apotheke oder erfahrenen Akupunkteur – gibt sie Rat. Treffsicher weiß sie, wer da helfen kann. Und alles ist um die Ecke. Man kennt sich hier im Kiez. Unterstützt sich, vermittelt, tauscht sich aus. Dorothea nimmt Pakete entgegen, wenn der Nachbar nicht da ist, gibt Großbestellungen auf und hilft damit Nachbarn, Portokosten zu sparen. Sie weiß, wo nächste Woche hier im Kiez ein guter Film läuft und was man machen kann, wenn mit dem Abfluss nebenan was nicht stimmt.

Fast immer ist sie im Laden, die gute Seele, und es lässt sich vermuten, dass der eine oder andere auch hierher kommt, wenn er gar nichts kaufen will. Ein Pläuschchen halten, dem Herzen Luft machen und mit Sicherheit jemanden treffen, den er kennt und dem er vertraut.

Doch nicht alle hier im Kiez fassen sofort Vertrauen, manchmal braucht es Zeit“, erzählt Dorothea. Da war zum Beispiel der Mann, der einige Zeit nach der Eröffnung zunächst mal nur eine Briefmarke kaufte. Nach Wochen kam er wieder und wollte ein Brötchen, Tage später kaufte er dann mehr. Seitdem ist er oft da. „Und vor kurzem“, sagt Dorothea, „ sprach er mich mit 'Du' an. Da hab ich mich sehr gefreut.“

'Natur & More' – Dorotheas Bioladen - ist groß. Das Warenangebot ist vielseitig und reicht von Obst und Gemüse, Lebensmitteln des täglichen Bedarfs, über Genußmittel, bis hin zu Geschenkbändern und kleinen Dekoartikeln. Es gibt frischen Kuchen, Brötchen und kleineTische, um bei einem Kaffee zu verweilen - auch draußen, mitten im Leben des Bürgersteigs.

 

Ansteckende Gemeinschaft

Am Wegesrand vor dem Laden, zwischen dem kleinen oktogonalen Garten und dem Kräuterhochbeet – beide angelegt von der Garten Eden-Initiative des Projektes Nachhaltig sein - steht ein kleines blaues Bänkchen. Spazierende machen hier Rast, im Vorübergehen entstehen Gespräche, spontan und herzlich. Anwohner bringen Pflänzchen für die Miniaturgärten vorbei und neulich hat sich sogar ein spontanes Trommelkonzert ergeben. Fremde bleiben stehen, Kinder wollen mitpflanzen und haben neugierig gefragt, ob man in ihrem Kindergarten auch so ein kleines Beet anlegen könnte. Sogar in einer nahegelegenen Grundschule soll demnächst ein oktogonaler Garten entstehen. Darauf gekommen sind Lehrer und Schüler, als sie ihr Weg am Laden vorbei führte...

Als der Miniaturgarten direkt vor dem Geschäft entstand, hatte eine Kundin spontan Lust mitzutun. Und so legte sie nicht nur selbst Hand mit an, sondern brachte auch ihre kreativen Ideen ein. Mitten in diesem Gestalten gesellten sich zwei Kinder hinzu. Sie hatten die Arbeiten beobachtet und wollten mithelfen. Begeistert machten sie sich an das Häkeln bunter Bänder. Und so zieren jetzt schamanistische Elemente, vielfarbige Gebetsfedern und zarte Fäden, ein blauer Teller aus dem Trödelmarkt, Kieselsteine und ein kleines Tippi aus gefundenen Hölzern die Beete am Wegesrand.

Ein schöner, ein fröhlicher Anblick!

 

Inspiration

Fast bekommt man den Eindruck, es entstünde eine Art Nachbarschaftszentrum.

Dorothea erzählt, dass neulich einige Senioren das Interesse angemeldet haben, sich hier regelmäßig zu treffen. „Es ist, als ob ein Stein ins Wasser gefallen ist und nun zieht er seine Kreise.“ sagt sie. Mit ihrem Tante Emma Laden will sie eine Art Geburtshelferin sein, einen Ort kreieren, der der Beginn eines konkreten Paradieses ist.

An den großen, offenen Schaufenstern hängen Plakate mit Ankündigungen.

Einen Spielzeugtauschmarkt gibt es hier und ein Klavierkonzert, Vorträge zu gesunder Ernährung, kleine Filmvorführungen oder Bastelnachmittage.

Im Laden finden sich Flyer, kostenlose Zeitungen und Stadtteilinformationen, aktuell und übersichtlich. Um selbst welche auszulegen oder eine Veranstaltung anzubieten, muss man einfach nur mit Dorothea sprechen.

Jeder, der herkommt, kann hier Ideen einbringen, selbst initiativ werden oder einfach bei Angeboten mitmachen. So ist es gedacht!

Alexandra Jedrych zum Beispiel hat die Gelegenheit beim Schopf ergriffen.

Demnächst möchte sie bei 'Natur & More' in zweimonatigem Abstand einen Frauenkreis veranstalten. „ Wir sind es ja nicht gewohnt, uns in unserer täglichen Kommunikation wirklich Aufmerksamkeit zu geben.“, sagt sie. Zu wiederkehrenden Terminen möchte sie Frauen anbieten, sich zu treffen und zu einem bestimmten Thema auszutauschen. „ Im Kreis der Frauen geht eine Art Redestab oder Redestein durch die Runde. Jede Frau bekommt ihren Raum sich mitteilen zu können, wobei sie die volle Aufmerksamkeit und Achtsamkeit der Anderen erfährt, ohne kommentierende Ratschläge oder Tipps." erklärt Alexandra. Themen, die Frauen bewegen, ihre Wünsche, ihre Stärken und vor allem die Übung des respektvollen und bewussten Umgangs miteinander sollen bei den regelmäßigen Treffen im Mittelpunkt stehen.

Und so wird der Tante Emma Laden 'Natur & More' nach Ladenschluss zu einem kreativen Ort der Begegnung, einer neuen sozialen Kultur.

Hier finden die Leute im Kiez Anregungen und ein lebendiges Miteinander.

Mitten in der Stadt, im sich schnell verändernden Stadtteil Moabit, ein kleines, solidarisches Paradies!

 

Vision

Stellen wir uns doch einmal vor, in jedem Stadtteil, ja vielleicht sogar in jedem Großstadt-Kiez gäbe es einen solchen Tante Emma Laden. Das würde nicht nur unsere Verkaufskultur, sondern auch unser soziales Miteinander verändern und stärken. Es würde der Anonymität in unseren Großstädten ein Schnippchen schlagen. Aus der Not entfremdeter Massenversorgung, in seelischer und körperlicher Hinsicht, hätte man die Tugend eines Tante Emma Ladens gemacht.

Ökologisch angebaute Produkte, Gemüsekistenservice, Infobörse, Nahrung für Körper und Geist, Kontakt, Sozialstation, Kultur, Austausch, kurzum gesundes Leben – all das wäre und ist in einem solchen Laden zu finden.

 

Netze knüpfen

Was bedeutet nun Tante Emma´s Zusatz '2.0' ?

Das Projekt Nachhaltig sein will über moderne Medien (Internet) eine nachhaltige Vernetzung solch regionaler Paradiese ermöglichen. Angebote, Informationen, Aktionen und Neuerungen sollen und können hiermit soweit wie möglich gestreut werden.

2.0 heißt konkret, ein kleines Paradies größer zu machen, indem man bis weit über die Grenzen des Kiezes hinaus Fäden knüpft. Fäden, die sich gegenseitig stärken und nach und nach ein neues Muster und Netz bilden. Eines das nachhaltig trägt.

Wer mag, ist aufgerufen mitzutun! Sei es, selbst einen Tante Emma Laden zu gründen oder zur Vernetzung von Menschen, Informationen und Produkten beizutragen oder einfach Ideen und Begeisterung in dieses Projekt der Zukunft einzubringen.

Ein jeder nach seiner Facon.

 

Unter mitmachen@sein.de könnt Ihr Euch bei uns melden. Wir freuen uns!

 

 

Natur&More

Dorothea Gützkow

Oldenburger Str. 16

10551 Berlin

030-98362460

info@naturandmore.de

 

Frauenkreis von Alexandra Jedrych

Informationen unter:

alexandra.jedrych@oetq.net

 

Frauke Banz, freie Mitarbeiterin im Projekt Nachhaltig sein.

frauke.banz@gmx.de

Der Artikel erscheint in gekürzter Fassung auch in der Printausgabe der SEIN 10/2014

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