Die Rimstinger Hexeneiche

 

Die Rimstinger Hexeneiche

Ein wahrlich wildes, zerfetztes Gewächs befindet sich da zwischen Straße und Waldrand - nur ein paar Schritte muss man hinein ins dichte Grün, wo sie, sinnlich verwachsen und verwoben mit vielerlei anderem Blattwerk, weit und eigensinnig hinauf in den Himmel ragt. Die Äste strecken sich kreuz und quer, manche wurden auch schon abgesägt. 300 Jahre soll sie zählen und 5 Meter misst der Umfang ihres Stammes. Das dürftige Schildlein vermag nicht zu erklären, weshalb sie eine Hexeneiche sein soll, und versucht es auch gar nicht ernsthaft; sie ist es dennoch. So ist das hier in Bayern. Man kann vieles nicht erklären und doch ist es so. Daran kann man verzweifeln oder sich erfreuen, oder noch besser: Hinabtauchen in die kleinen gewaltigen Mysterien am Straßenrand, die sich einfach und ohne Worte von selbst erschließen...

 

 

Fänden auch wir ein reines, verhaltenes, schmales
Menschliches, einen unseren Streifen Fruchtlands
zwischen Strom und Gestein. Denn das eigene Herz übersteigt uns
noch immer wie jene. Und wir können ihm nicht mehr
nachschaun in Bilder, die es besänftigen, noch in
göttliche Körper, in denen es größer sich mäßigt.

Rainer Maria Rilke, Februar 1912, Duino

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