"Die Stimme ist kein Schicksal."

 

"Die Stimme ist kein Schicksal."

Interview mit der VOICE-Therapeutin Hilde Frauendorfer

In Hilde Frauendorfer versammeln sich vielerlei Kompetenzen, die sie allesamt zum Wohl der Stimme und des Menschen, der Quelle dieser Stimme, miteinander verbindet. Hilde Frauendorfer ist Staatl. geprüfte Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin nach Schlaffhorst-Andersen und Gesangspädagogin (Certified Rabine Teacher CRT). Zwischen 2005 und 2009 absolvierte sie eine Ausbildung in transpersonaler Körperpsychotherapie (Orgo­dynamik) und ergänzte dies 2011 um den Heilpraktiker Psycho­therapie. 

 

Auf ihren Vorschlag treffen wir uns in einem Schrebergarten. Sie würde da gerne mitarbeiten, aber sie widmet ihre Zeit denn doch lieber den Menschen. Sie vor allem liegen ihr am Herzen. Ich bitte sie, mit einem Kernsatz ins Interview einzusteigen, mit einer Aussage zu ihrer Arbeit, die ihr besonders wichtig ist.

Hilde Frauendorfer: "Die meisten Menschen denken: 'Die Stimme ist eben so.' Das ist ein Irrtum. Alle Stimmen können klangvoller, ausdrucksstärker, schöner werden. Ich höre hin auf das, was passiert und übersetze das 'akustische Ergebnis' – die Stimme – in das, was innen im Menschen passiert. Ich höre die innere Bewegung. So ungewohnt das zunächst klingt: Stimme entsteht durch Bewegung, durch die Bewegung der Stimm-Muskeln und der Atemmuskulatur sowie durch die Muskeln der Artikulationsorgane: Kehlkopf, Lippen, Zunge und Rachen."

Frage: "Nun ja, das hört sich logisch an. Nur: Was hilft es dem Betroffenen, wenn Sie auf die Bewegung des Stimmsystems achten?"

Hilde Frauendorfer: "Verbunden mit diesem Hören ist eine weitere Einsicht: Sich Schützen ist für den Körper eine viel wichtigere Funktion als Sprechen oder Singen. Wenn wir zum Beispiel erkältet sind oder Halsschmerzen haben, dann wird die Stimme unbeweglich. Höhen und Tiefen gelingen nicht mehr recht. Auch die Lust auf stimmlichen Ausdruck nimmt ab. Umgekehrt: Wenn sich das System gut bewegen kann, kann ich gut sprechen und singen. Jeder Vokal, jede Tonhöhe und Lautstärke, jede Emotion braucht eine andere Bewegungsqualität. Je geschmeidiger sich das System bewegen kann, desto besser das Klangergebnis, desto verständlicher die Sprache."

Frage: "Kann ich das so verstehen, dass Sie einerseits darauf achten, ob und warum der Körper die Stimmmuskulatur schützt, indem er sie quasi 'einfriert'. Und dass Sie nach Möglichkeiten forschen, diese mehrdimensionale Barriere abzubauen?"

Hilde Frauendorfer: "So in etwa. Zum Auslöser einer Stimmkrise wird oft die Situation nach einer Erkältung mit einer Rachenentzündung und geröteten Stimmlippen oder gar einer Kehlkopfentzündung. Ist die mangelnde Bewegung des Stimmsystems nicht auf eine akute Erkrankung zurückzuführen, kann das viele andere Gründe haben, beispielsweise massive Stressfaktoren. Die Ursachen zu erkennen und zu lösen - dazu hilft mir meine Ausbildung in Körperpsychotherapie. Gleichzeitig werfe ich einen weiten Blick auf den Menschen, seine Sehnsucht, seine Ängste, seine familiäre Situation, seine spirituelle Haltung. Ich arbeite über den Körper, aber damit berühre ich immer auch die Seele."

Frage: "Das klingt, als ob Sie auch im Feld eines Psychotherapeuten arbeiten?"

Hilde Frauendorfer: "Nein, Seele und Stimme lassen sich zwar nicht voneinander trennen. Doch sind die Ursachen der stimmlichen Verkrampfung zu massiv, empfehle ich dringend, parallel zur Stimmarbeit eine Psychotherapie zu beginnen. Zwei Beispiele, bei denen nur die Zusammenarbeit mit einem Psychotherapeuten weiterhalf, waren zwei junge Frauen, die zu mir kamen. Eine von ihnen war im Alter von sieben Jahren von ihrem Gitarrenlehrer missbraucht worden, die andere war traumatisiert, weil sich ihr Vater vor ihren Augen als Kind erschossen hatte. Sie konnte nie darüber sprechen, denn in der Familie war dieser Selbstmord Tabu. In der Außenversion war ihr Vater eines natürlichen Todes gestorben."

Frage: "Worin unterscheidet sich Ihre Arbeit ganz wesentlich von der anderer Stimm-Therapeuten?"

Hilde Frauendorfer: "Die von mir meist genutzten Worte sind 'lassen' und 'loslassen'. Ich betone dieses 'ganz wenig machen müssen' in meiner Arbeit. Singen ist die Kunst herauszufinden, was ich machen muss und was ich besser geschehen lasse. Am Atem wird das sehr deutlich. Dein Körper weiß eigentlich, wie Atmen geht. Und doch atmen die meisten Leute nicht richtig. Das hat seine Gründe. Mein Vorgehen ist ganz stark auch meditativer Natur, weg von einer 'Ich muss so sein-Haltung' hin zu einem 'Was will in mir sein?' Am Anfang weiß ich nicht, wie eine Stimme klingen soll. Das weiß der Körper des Klienten allein. Ich vertraue in hohem Maße auf die Weisheit des Körpers. Eigentlich geht es darum, den Menschen dorthin zu begleiten, wo sein Körper und seine Seele ihn hinführen. Mein Job ist es, professionell Bedingungen zu schaffen, die Heilung begünstigen. Dann passiert das Richtige. 30 Jahre Erfahrung mit dieser Arbeit und viele Erfolge bestärken mich auf diesem Weg.

Frage: "Sie arbeiten also im wahrsten Sinne des Wortes ganzheitlich. Wie muss man sich zu Beginn der Arbeit mit Ihnen vorstellen?"

Hilde Frauendorfer: "Ganzheitliche Stimmarbeit ist ein Anspruch, der mit der ersten Stunde beginnt und mit der Einsicht, dass es nie möglich sein wird, zum Zustand vor der Stimmkrise zurückzufinden. Es wird immer eine Veränderung geben. Es ist ein Prozess, der Zeit braucht und Geduld auf beiden Seiten. Das muss dem Klienten klar sein, darauf sollte er sich einlassen können. Eine gute Stimmtherapie ist ein Teamwork. Einerseits braucht sie die einfühlsame und fachkompetente Begleitung eines Therapeuten, andererseits die Bereitschaft des Patienten, alte Muster loszulassen, genau zu erforschen, was verändert sein möchte und dem auch zu folgen."

Frage: "Gibt es da auch handwerkliche Aspekte?"

Hilde Frauendorfer: "Selbstverständlich. Anfangs geht es darum, dass jeder das, was ihm stimmlich gelingt, immer auch besser ausdrücken kann. Wir arbeiten an der Körperhaltung, an der Mundöffnung, am Einsatz der Atmung, an der Balance zwischen Stimmlippen-Anspannung und Luftdruck und vor allem an der Phrasierung beim Sprechen. Aber ich bin ein Fan davon, dass dieser Handwerkskram in den Kontext des ganzen Menschen einfließt."

Frage: "Welchen Tipp können Sie Berufssprechern wie Lehrern oder Pfarrern bzw. Stimm-Profis wie Schauspielern und Sängern zum Schluss geben?"

Hilde Frauendorfer: "Berufssprecher nehmen eine Erkältung oft nicht ernst genug und belasten ihre die Stimme trotzdem. Der  Berufssänger oder Schauspieler wird zwar eher die Stimme schonen und auch den Facharzt zu Rate ziehen, aber in der Phase der Rekonvaleszenz verlangt er oft zu früh der Stimme wieder eine zu hohe Leistung ab. Oft ist es Ungeduld, die eine Stimme angreift und zu Fehlfunktionen führt."

Voicepraxis
Hilde Frauendorfer, Silke Kalbfleisch
Reiserstraße 3, 97080 Würzburg
Tel.: 0931-97554 - E-Mail: info@voice-praxis.
de, Web: www.voice-praxis.de

 

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