Erst Managerin, dann Schriftstellerin

 

Erst Managerin, dann Schriftstellerin

Den scheinbaren Widerspruch von Wirtschaft und Kunst überbrückt die biographische Perspektive

von Bobby Langer

Mit Papier hatte Claudia Beinert stets zu tun. Jetzt beschreibt die gelernte Diplom­kauffrau das Papier, auf dem sie einst rechnete. Sie ist Schriftstellerin geworden – aus eigenem Entschluss und Vermögen.

Wir treffen uns im "Köhlers" an der Alten Mainbrücke, mittags um 13 Uhr. Claudia kommt in klassischem Blau-Weiß und be­stellt ein Glas kühlen Silvaner, bevor sie mit einer selbstverständlichen Souverä­nität zu erzählen beginnt. Manchmal wägt sie ihre Worte sorgfältig ab, manchmal sprudeln sie spontan aus ihr heraus. Immer wieder muss ich darauf achten, dass ich sie interviewe und nicht sie mich, um mich vielleicht in ihren nächsten Roman einzubauen.

Die Herrin der Kathedrale

"Claudia Beinert ist mein Künstlername – und mein Klarname", bemerkt sie mit einem Unterton, der ein bisschen stolz, ein bisschen süffisant und ein bisschen erhei­tert klingt. Beibehalten hat die junge Frau auch ihren klaren Kopf. Ohne den, das ist mir nach wenigen Sätzen klar, wäre sie nicht geworden, wie sie heute vor mir sitzt - als Autorin des Romans "Die Herrin der Kathedrale", verlegt im Knaur Taschen­
buch-­Verlag, und gemeinsam geschrieben mit ihrer zehn Minuten jüngeren Zwillings­schwester Nadja. "Im Herbst 2014 erscheint unser zweiter Roman", sagt sie zuversichtlich.

Claudia Beinert stammt aus der Mittel­schicht, die es aber in ihrer Erinnerung nicht wirklich gab. Geboren und aufge­wachsen in Sachsen-Anhalt verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend zusammen mit ihren zwei Geschwistern in einer 3 ½-Zimmer-Neubauwohnung. "Unser Kin­derzimmer war das Esszimmer", erzählt sie und lächelt bei der Erinnerung. "Uns ging es immer gut. Von der Politik, von SED und Stasi bekamen wir Kinder nichts mit. Mein Vati war Ingenieur, ein Arbeiter wie alle anderen. Hierarchien wie hier im Westen nahm ich als Zehnjährige nicht wahr. Es gab egalitäre Ideale." Da machte auch die Mutter keine Ausnahme, die als MTA in einer Polyklinik arbeitete.

Wendepunkte

"Als Kind wollte ich immer Mittel­punkt sein, habe eine große Klappe gehabt. Ich wollte anderen sagen, wo's lang geht und nicht andere mir. Es drängte mich, Chef zu sein." Heute sei sie ein anderer Mensch als damals, lächelt sie. Als Chefin habe ich sie auch nicht kennen­gelernt. Heute stehe sie gerne am Rande und beobachte eher. 1978 geboren, erlebte sie die Wende vor allem als Zeit des Umbruchs, der Chance, bisher verbotene Länder zu sehen, über­haupt neuer Möglichkeiten, "eine Auf­bruchstimmung. Und alle waren so nett zu uns".

Einige Jahre nach dem Mauerfall fanden gleich zwei Wenden in ihrem Leben statt: die eine zunächst unbemerkt, aber mit einer durchgängigen Linie bis heute. "In der elften Klasse las ich Noah Gordons 'Der Medikus' – mein erster historischer Roman und seit jener Zeit bin ich diesem Genre verfallen." Der zweite Wendepunkt war der Tod ihres Vaters, als sie 17 war: "Plötzlich war der Lenker weg. Wir hatten das Gefühl, mehr zusammenhalten und Mutti unterstützen zu müssen."

Leben ist mehr als Wochenende

Und wie wurde aus der Abiturientin die Diplom-Kauffrau? Das sei größtenteils ihrem Unabhängigkeitsdrang und wohl auch etwas medial geprägt, sinniert sie. Auch heute noch zweifelt sie nicht an der Wahl ihres Studiums, eine fachliche Alternative gab es für sie nicht. Und da war "der Wunsch, immer zu lernen. Also habe ich zusammen mit meiner Schwester BWL in Magdeburg studiert. Das war eine sehr bewusste Entscheidung. Ich wollte ein eigenes Unternehmen gründen oder einen Führungsposten innehaben, auf jeden Fall Karriere machen. Der Weg nach oben war ideal, um ständig dazu zu lernen zu können und zu müssen. Da würde es nie langweilig werden. Stets gibt es einen nächsten Schritt und eine nächste Herausforderung."

In Magdeburg bekam sie ihren ersten Job in der freien Wirtschaft, dann einen zwei­ten in Berlin. Weil sie das nicht ausfüllte, machte sie nebenbei ihren Doktor. Schließlich landete sie als Bankenbera­terin bei Ernst & Young, einer der drei größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften weltweit. Sie reiste viel, kam in der ganzen Republik herum, lebte in guten Hotels und aus dem Koffer. Manchmal, wenn sie am Morgen aufwachte, benötigte sie einen Moment, die Stadt und das Hotel auszu­machen, in dem sie sich gerade befand. Gleichzeitig begann sie, unter der sozialen Verarmung ihres Lebens zu leiden. "Du verlierst den Kontakt zu deinen Freunden, Leben findet nur noch am Wochenende statt."

Zweifel und Neuausrichtung

Weil sie das Hamsterrad aus der Distanz betrachten wollte, leistete sie sich ein neunmonatiges Sabbatical. Der Managerjob hatte seinen Reiz verloren. "Mir war langweilig und Zweifel begannen sich zu regen, ob es das ist, worauf ich stets zugearbeitet hatte und ob ich mir diese Arbeit für die kommenden zehn Jahre noch vorstellen wollte. Im Laufe der Jahre hatte sich auch so viel Leidenschaft für das geschriebene Wort entwickelt." Noch immer las sie historische Romane, interessierte sich jetzt auch aktiv für Geschichte und wollte in ihrer Auszeit mit dem Schreiben experimentieren. "Ich wollte sehen, ob das was für mich ist." In dieser Zeit war ihre Zwillingsschwester schon mit von der Partie, so dass sie sich gegenseitig motivieren konnten. "Nach diesem dreiviertel Jahr war mir klar: Das möchte ich weiter machen."

Als sie zu Ernst & Young zurückging, übernahm sie nur noch eine halbe Stelle. Die andere Hälfte ihres Berufslebens füllte sie mit einer Wirtschaftsprofessur an der Fachhochschule Osnabrück. Die nächste Herausforderung – neben dem Schreiben an den Abenden, manchmal im Urlaub oder an den Wochenenden. Aus Dr. Claudia Beinert war Prof. Dr. Claudia Beinert geworden. Drei Semester hielt sie das durch, fühlte sich aber sozial genauso ausgepowert wie zuvor. Wieder dieses dauernde Reisen, die Hotels, die Wochen­endbeziehungen: "Ich hatte mein Sozial­leben weitgehend aufgegeben."

Nicht aufgegeben hatte sie ihr Ziel zu schreiben. Am 30. Juni 2013 beendete sie ihren Job als Managerin, kurz zuvor hatte sie auch die Professur abgegeben: "Ichhatte erreicht, was ich erreichen wollte." Wer sie heute nach ihrem Beruf fragt, dem antwortet sie: "Schriftstellerin." Zum Zeitpunkt ihrer persönlichen Wende war klar: Gemeinsam mit ihrer Schwester hatte sie parallel zum Berufsleben diszipliniert gearbeitet, eine Veröffentlichung bei einem renommierten Verlag und der Zusage auf eine Zweitveröffent­lichung erreicht." Seit­ ich mehr Zeit der Literatur gewid­met habe, habe ich so viele interessante Anregun­gen erfahren und spannende Men­schen getroffen, auf die ich auf meinem alten Weg nie gestoßen wäre ..." Ihre Mutter jedenfalls stehe voll und ganz hinter ihr und sei "stolz auf uns".

Manager – das war einfach

Was wohl die wichtigsten Punkte seien, die es ihr möglich gemachten hätten, quasi vom Start weg einen literarischen Erfolg zu landen? Claudia Beinert ist fest überzeugt, dass sie das vier Punkten zu verdanken habe: Sie könne Sachen "emotional, aber auch ganz cool betriebs­wirtschaftlich betrachten. Außerdem habe ich bisher alles erreicht, was ich wollte. Wenn man sich rein hängt, kann man es schaffen." Besonders wichtig aber sei es, sich selbst regelmäßig zu motivieren: "Sich regelmäßig hinzusetzen und zu schreiben - daran scheitern viele, die vielleicht tolle Ideen haben; sich jeden Morgen mit einem weißen Blatt Papier auf dem Bildschirm konfrontiert zu sehen, kostet manchmal Überwindung. Aber das überwindet man schnell - und wenn dabei nur wenige brauchbare Sätze herauskom­men." Und alles das sei immer noch wenig, ohne die nötige Kritikfähigkeit. "Von Leuten, die jahrelang erfolgreich auf dem Markt sind, lasse ich mir gerne sagen, was ich besser machen kann. Ich suche immer Punkte zur Weiterentwicklung. Der über­wiegende Teil beim Schreiben umfasst handwerkliche Fähigkeiten, die man stetig verbessern kann, anstatt von Anfang an zu sagen: Das ist mein persönlicher Stil, das bleibt so.“

So unbekümmert und arbeitslustig, wie Claudia Beinert zunächst Managerin und dann zur Professorin wurde, gelang ihr auch der Einstieg in die Schriftstellerei. Als ich sie frage, wie es ihr mit der typisch deutschen Unterscheidung von an­spruchsvoller und hoher Literatur gehe, fragt sie unbefangen: "Wie meinst du das?" Der Unterschied sei ihr nie wichtig gewesen. "Ich mache einfach, was mich interessiert, egal, was für ein Label die Welt daran klebt. Wichtig ist, dass die Leute sagen: 'Das ist interessant. Das möchte ich gerne lesen.' Ich glaube, beide Formen haben ihre Daseinsberechtigung, und die Unterschiede sind viel breiter gefächert, die Übergänge fließend. Nicht jeder will sich im Urlaub am Pool mit tiefgründiger Zeitkritik auseinandersetzen. Für alles ist Platz."

Ihrem eigenen Werk will sie kein Label verpassen. Aber fürs Schreiben gibt sie alles; dafür recherchiert sie intensiv und muss sich "viel tiefgründiger und aus­saugender als je zuvor mit den Inhalten befassen", über die sie schreibt. "Nach acht oder neun Stunden des Schreibens bin ich regelmäßig ausgelaugt. Und zu­frieden. Gefühle, Gedanken und Ent­wicklungen von Romanfiguren sind nicht so leicht zu erfassen. Warum ist ein Mensch so oder so, warum verhält er sich so und nicht anders? Dies in einen dramaturgisch sinnvollen Rahmen einzubetten ist herausfordernder, als für eine Bank ein Rating zu entwickeln oder eine passende Finanzierungsform für ein Unternehmen zu finden."

Mehr Informationen über Claudia Beinert und ihr Schreiben finden sich auf der Homepage: www.beinertschwestern.de

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