WE GO PARADISE. Das Garten-Eden-Projekt und die Erdung des Internets

 

WE GO PARADISE. Das Garten-Eden-Projekt und die Erdung des Internets

In der regionalen Vernetzung nachhaltiger Lebensprojekte liegt die Zukunft

Alle Welt redet von Nachhaltigkeit – das politische Schlagwort des 21. Jahrhunderts. Mutter Erde, die Ewig-sich-Wiedergebärende, hängt am Tropf und möchte nach zwei Jahrhunderten Industrialisierung mit all ihren Folgen wieder gehegt und gepflegt werden – zumindest um das Überleben der Menschheit zu gewährleisten, deren Lebensraum zunehmend bedroht erscheint. Jeder Mensch auf der Welt weiß das. We are one - die Erdcharta der Vereinten Nationen In der Erdcharta der Vereinten Nationen ist diese inspirierende Vision grundlegender ethischer Prinzipien für die Entwicklung einer gerechten, nachhaltigen und friedfertigen globalen Gesellschaft im 21. Jahrhundert niedergeschrieben. Das Hauptanliegen der Erd-Charta ist es, einen Übergang zu einer nachhaltigen Lebensweise und menschlicher Entwicklung zu schaffen. Die Erd-Charta stellt zudem fest, dass die ökologischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen, ethischen und spirituellen Probleme und Hoffnungen der Menschheit eng miteinander verbunden sind und ganzheitlich angegangen werden müssen.

Der Blick zurück nach vorn

Angesichts der globalen Krise sehnen sich viele Menschen, die die Reize und Risiken der postmodernen Wirklichkeit durchlebt haben, zurück in naturnahe und ganzheitlich erfahrbare Lebensformen. Es geht um Entschleunigung und neue Einfachheit. Durch die täglich erfahrene Reizüberflutung in den Städten keimt in vielen Menschen der Wunsch auf, den Gang aufs Land zu wagen. Der ländliche Lebensraum erscheint im Kontrast zur Unwirtlichkeit der Städte als verheißener Ort, wo Mensch, Tier und Pflanze noch einen organischen Zusammenhang bilden. Die Menschen möchten sich wiederverwurzeln in Natur und Kultur. Ursprünglich bedeutet der lateinische Begirff „cultura“ hegen und pflegen, den Boden bebauen. Weltweit gewinnt die Permakultur-Bewegung immer mehr an Bedeutung, der Versuch nämlich, regionale Autarkiemodelle im naturnahen Lebensraum zu entwickeln. Archetypisches Sinnbild dieses einstmals harmonischen Zusammenwirkens von Mensch und Natur ist der Garten Eden.

Das Garten-Eden-Projekt

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“, leitet Thomas Mann sein Romanepos „Joseph und seine Brüder“ ein. Der Garten Eden ist viel älter als die Bibel, stammt aus der sumerischen Kultur, deren Sprache bereits 1700 v. Chr. ausgestorben war. Es bedeutet wörtlich „am Rande der himmlischen Steppe“. Der Garten Eden als heiliger Hain und erste kulturelle Einrichtung der Menschheitsgeschichte ist entstanden, als vor einigen tausend Jahren nicht gekannte Dürreperioden einsetzten und die Menschen vor der Notwendigkeit standen, Vorräte für den Winter anzulegen. „Paradies“ bedeutet im Altiranischen „eingehegter Bereich“. In der etruskischen Kultur wiederum gab es den Augur, der das Templum, einen quadratischen Bereich in der Wildnis, absteckte, um darin den Vogelflug und die Zukunft zu lesen. Die frühesten Gärten der Menschheit waren heilige Haine, in denen Kulturpflanzen angebaut wurden. Aus diesen Naturtempeln entwickelten sich mit der Durchsetzung patriarchalischer Herrschaftsmuster steinerne Gebäude in den Zentren der Städte, die Tempelanlagen und später die in den Himmel ragenden Kathedralen des Mittelalters. Alle Religiosität ist im Ursprung Naturanbetung gewesen – von matriarchalischen, bewahrenden Lebensmustern durchformt. Der Garten Eden in seiner ursprünglichen Form, als es noch keine Vertreibung aus dem Paradies gab, ist das Leitbild für nachhaltige Lebensformen. Es handelt sich vordergründig um einen Nutzgarten, doch es ist weit mehr: ein kultureller Begegnungsraum, ein heiliger Hain, in dem sich die Menschen begegnen und geerntet, gekocht, getanzt und gefeiert wird – und wo niemand wegen vermeintlichen Fehlverhaltens vertrieben wird. Der Garten Eden existiert sowohl im jüdischen, christlichen und islamischen Glauben und stellt in seinem Ursprung einen Ort des Friedens und der Toleranz dar, als es noch keinen Krieg gab und die Menschen im Einklang mit ihrer inneren und äußeren Natur lebten. In jeder Region sollte es im Sinne des „social gardening“ einen Garten Eden in seiner spielerischen Vielfalt geben, Allmende im Mittelalter, kollektiv genutzter Raum, innerhalb dessen sich Menschen regenerieren können – und wenn es überhaupt einen Heilraum in der Welt gibt, dann ist es die unversehrte Natur in ihrer magischen Verbundenheit.

Magische Verbundenheit: das Gewebe der Welt

Die Erkenntnisse der modernen Quantenphysik lehren uns, dass weder Materie noch Energie, sondern „Verbindung“ die Welt im Innersten zusammenhält. „Schau alle Wirkungskraft und Samen, und tu nicht mehr in Worten kramen“, heißt es in Goethes Faust. Und in der goetheanischen Naturphilosophie ist die „anschauende Erkenntnis“ der Schlüssel zu den Rätseln der Welt. Die Erscheinung des tief vernetzten Naturraumes in ihrem Zusammenwirken bringen die Wahrheit der Dinge hervor – nicht analytisch zerlegende Naturwissenschaft, die den Dingen ihren Zauber raubt. In der germanischen Kultur gab es den erlebten Begriff „Wyrd“ - die Verwobenheit des Seins, woraus unser heutiger Begriff Würde hervorgegangen ist. In der technisierten Wirklichkeit ist uns der Begriff „wired“ geblieben, die verkabelte Welt.

Wiederverwurzelung in Würde

Rudolf Steiner, der sich intensiv mit Goethes Weltanschauung befasst hat, prägt für die Pflanzenwelt den Begriff „Alte Sonne“ - denn die Pflanzen bilden noch keine Organe aus, sind noch nicht „individualisiert“, stehen in einer uralten Verbindung zu Sonne, Mond und Sternen und entfalten ihr Wachstum zwischen Erde und Himmel: horizontal, vertikal und spiralförmig. Der moderne Mensch in seiner „Geworfenheit“ (Heidegger) in die Welt tut gut daran, sich an den Wirkungskräften seiner natürlichen Umwelt zu orientieren, statt diese im technologischen Raubbau für immer zu deformieren. Steine, Pflanzen und Tiere sind Katalysatoren für ganzheitliche natürliche Lebensformen. Sie verkörpern in ihrer uralten und instinktiven Verbundenheit die Würde der Welt.

Permakultur als Gebot der Stunde

Die Permakultur-Bewegung sucht diesen Weg zurück in die Verbundenheit. Aus Überresten einer entgleißten Zivilisation werden naturnahe Lebensräume ausgestaltet und auf neue Weise kreativ belebt und durchwirkt. Permakultur kann auf dem Lande als auch in den Städten stattfinden. Ein schönes Beispiel sind die Prinzessinnengärten in Berlin, wo auf kontaminiertem Gelände Gemüse in Erdkisten angebaut wird. Das Garten-Eden-Projekt versteht sich als Teil dieser globalen Bewegung und setzt es sich zum Ziel, regionale Akupunkturpunkte zur Heilung von Erde und Mensch zu entwickeln. Jeder entstehende Garten Eden wird seine besondere Gestalt haben, geschaffen von den Menschen vor Ort, die sich im Sinne von Joseph Beuys in einer „sozialen Plastik“ zusammenfinden und das Leben neu ausprobieren – und sich der Welt präsentieren.

Nachhaltig sein - das geerdete Internet und die regionale Wiederverwurzelung

In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich das Internet einen ungeheuren Raum in der Alltagserfahrung der Menschen erobert: Krise und Chance zugleich. Die Gründung von regionalen Gärten sollte mit der Einbindung des Internets einhergehen, denn der ländliche Raum kann so zu einer neuen Polis für naturbewusste und ganzheitlich lebende Menschen werden. Parallel zur Gründung der Gärten in den Regionen werden wir daher ein Forum „Nachhaltig sein“ zunächst für den deutschsprachigen Raum gründen. In jedem Bundesland und bald auch jedem Landkreis wird es eine Online-Redaktion der Zeitschrift „Sein“ geben, die vor Ort in Zusammenarbeit mit den Menschen zukunftsfähige Personen, Projekte, Produkte herstellt und deren Interessen vernetzt. Regionale Veranstaltungskalender koordinieren das Geschehen und verdichten den kulturellen Raum, geben den Menschen ein Gesicht und lassen sie an dem globalen Geschehen teilhaben. Unser Akzent soll dabei auf der realen Begegnung der Menschen in den Garten- Eden-Projekten liegen. Es geht darum, das Internet aus dem verlorenen virtuellen Raum zu bergen und eine lokale Erdung vorzunehmen. Durch das entstehende Online-Forum lassen sich reale lebensweltliche und alltagspolitische Prozesse koordinieren und durch die entstehende Aufmerksamkeit vieler mit Leben füllen. Die Ureinwohner Grönlands beginnen angesichts der schmelzenden Eismassen Gärten anzulegen und Zucchini, Salat und Sellerie zu züchten – es ist ihre Antwort auf die globale Klimakatastrophe. Der alte Garten Eden in seiner Unschuld ist allüberall und wird so zu einem Leitbild für eine moderne und zukunftsfähige Form ländlicher Kultur und stellt einen hohen Anreiz dar, entgrenzten Menschen aus den Großstädten eine neue Heimat zu geben.

We go paradise – Gemeinschaftsbildung auf dem Lande

Die alarmierende Vereinzelung vieler älter werdender Menschen aus dem Dschungel der Großstädte fördert den Wunsch nach Zugehörigkeit. Mehrgenerationenmodelle mit Landsitz in der Nähe der Städte sind eine Antwort auf die Folgen der Verstädterung. Gemeinsam geführte Landsitze, Leben mit Haustieren und die Pflege eines gemeinsam genutzten Gartens können Menschen wieder eine Vision für ein lebenswertes Dasein geben. Das neue Internet-Forum „Nachhaltig sein“ wird bei dieser Bewegung zurück aufs Land eine wichtige Rolle spielen, denn es koordiniert die Prozesse und fördert die tägliche Kommunikation, schafft Verbindung. Auf dem Kirchengut Strellin in Vorpommern ist um eine alte Schmiede ein solches Lebensprojekt entstanden, wo eine kleine Gruppe von Menschen gemeinsam einen Garten Eden bewirtschaften und in Verbindung mit Haustieren leben. Nun ist die Zeit reif für neue Gärten in anderen Regionen, die im Rahmen unseres Forums „Nachhaltig sein“ entwickelt und gefördert werden. Ab dem 21.12.2013 werden wir unser neues Forum freischalten. Wer an solchen regionalen Projekten interessiert ist, kann sich unter lothar.guetter@sein.de melden. Ihr könnt mit unserer Unterstützung rechnen.

Lothar Gütter

Vorsitzender Naturlernwelten e.V. Naturpädagoge und Gründer des Garten-Eden-Projekts lothar.guetter@sein.de

 

Kategorien: 

Main Manue: 

Das Projekt
Oben